Schaltkreis Wassermann: die späte Rückkehr der Techno-Pioniere

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Am 15.4.2016 ist in der Tageswoche der Artikel Schaltkreis Wassermann: die späte Rückkehr der Techno-Pioniere erschienen. Damit dieser interessante Text von Andreas Schneitter nicht verloren geht, poste ich ihn hier.

Das Basler Duo Schaltkreis Wassermann veröffentlichte 1982 ein visionäres Elektronik-Album. Über 30 Jahre später kommt endlich der Nachfolger. Von Andreas Schneitter

: Hippies und Eletronikpioniere: Stella und PJ Wassermann.
Hippies und Elektronikpioniere: Stella und PJ Wassermann.

 

Solche Geschichten gehören erzählt, denn man wird sie in Zukunft immer seltener hören, dem Internet und der totalen Gleichzeitigkeit sei Dank. 1982 produzierte ein Duo in einem Kammerstudio in Oberwil, Baselland, eine Techno-Platte (was damals noch nicht so hiess), die als visionär galt und sich kaum verkaufte. 20 Jahre später kehrte ein Bekannter aus New York zurück und eröffnete dem Baselbieter Duo: Das, was ihr damals gemacht habt, ist drüben totaler Kult.

So lautet, an einem Strang aufgeknüpft, die Geschichte von Schaltkreis Wassermann. «Psychotron» hiess das 1982 erschienene Debut von Stella und PJ Wassermann, und hört man heute in dieses Album rein, staunt man ob der Vielfalt und Vertrautheit dieser elektronischen Klänge. Allein das Titelstück, sieben Minuten lang, beginnt als psychedelische Reise mit weit ausgewalzten Synthesizer-Landschaften, die aufs Ende hin von einem Beat aufgewühlt werden. Früher Trance.

«Wir warfen LSD ein und schraubten nächtelang an den Synthesizern rum.»

Ein anderes Stück hiess «Mutanten (tanzen Rock’n’Roll)», ein elektronischer Boogie-Schmarrn, den man auch auf einem frühen Neue-Deutsche-Welle-Sampler hören konnte. Und schliesslich war da die wunderbar deliriöse Fahrt im «Space Shuttle», wo man die Produktionsweise von Schaltkreis Wassermann bestechend nachhören konnte – «an den Wochenenden LSD einwerfen und nächtelang an den neuen Synthesizern und Sequenzern rumschrauben», erinnert sich PJ Wassermann.

«Psychotron» kam zur rechten Zeit, sagt Wassermann, die von ihnen bewunderten Kraftwerk hatten neue Massstäbe in der Popmusik gesetzt und die elektronische Musik definiert, in England und den USA entstand gerade der Synthie-Pop als neues Genre, das die Achtziger dominieren sollte. Die Tüfteleien von Schaltkreis Wassermann, zu denen man tanzen wie abhängen konnte, trafen den Zeitgeist.

Zu naiv und idealistisch fürs Musikgeschäft

Als «Psychotron» jedoch veröffentlicht wurde, geschah – nichts. «Damals dachte ich, das Album wäre zu unterschiedlich, zu wenig kompakt gewesen», sagt Wassermann. Heute weiss er: Es war vor allem Pech. Das für seine Experimente bekannte Label «Mercury Records» vermarktete «Psychotron» nicht, ein zweiter Versuch in Holland blieb ohne Ergebnis, «weil wir zu naiv waren und vom Musikgeschäft keine Ahnung hatten.»

Anstatt Nachrichten über hohe Absatzzahlen flatterte PJ und Stella Wassermann plötzlich eine Rechnung über die Produktionskosten ins Haus, an der das Duo zu kauen hatte. «Wir waren Idealisten, machten keine Ferien und ernährten uns billig. Alles Geld floss in die Musik.»

Kult in anderen Ländern

Währenddessen ging «Psychotron» um die Welt, wurde in Italien von den DJs der ersten Generation wie Daniele Baldelli «rauf und runter» gespielt, in der Musikzeitschrift «Melody Maker» schaffte es das Album in die Synthesizer-Charts, und in New York rotierte «Psychotron» auf den Plattenspielern der Clubs. Davon erfuhr Wassermann erst viel später: Vom Basler Alex Gloor, der in jungen Jahren nach New York ausgewandert war und dort in der DJ-Kultur heimisch wurde. «Er war es, der uns vor rund zehn Jahren dazu animierte, Schaltkreis Wassermann wieder neu aufleben zu lassen.»

Dazwischen lagen für PJ Wassermann Jahre der musikalischen Verirrung. Auf das erste Album von Schaltkreis Wassermann folgte aus einem versandeten Soundauftrag für die Werbung die Single «Muh!» als Matterhorn Project. Eine Spielerei, die zum unverhofften Hitparadenerfolg wurde, «und die ein Publikum schaffte, das sich nicht für unsere zentralen Projekte interessierte», erinnert sich Wassermann.

Ein weiterer Versuch, zusammen mit seiner Partnerin Stella im psychedelischen Synthie-Pop unter dem Projektnamen «Stella and the Chips» gross Fuss zu fassen, scheiterte bereits im Studio. Das Duo zog die Konsequenzen, stufte die Musik zurück, PJ Wassermann arbeitete fortan als Programmierer und Datenbank-Entwickler, um die Familie zu ernähren.

Ein Schicksalsschlag reaktivierte den Schaltkreis

Schliesslich brachte ein Schicksalsschlag PJ Wassermann dazu, das Schaltkreis Wassermann zu reanimieren: 2008 erhielt seine Partnerin Stella eine Krebsdiagnose. «Es war eine traurige, depressive Zeit», erinnert sich Wassermann, «und um sie aufzuheitern, beschloss ich, ein neues Live-Set für Schaltkreis Wassermann auf die Beine zu stellen. Weil ich wusste, dass ihr dieses Projekt am meisten am Herzen lag.» Es sollte wenig ändern: Im April 2011 starb Stella Wassermann an ihrer Krebserkrankung.

PJ Wassermann machte nach dem ersten Tief weiter, ermuntert von seinem Sohn, der erkannte, wie sehr dem Vater die Live-Auftritte fehlten. 2012 erschien auf dem Berliner Label «Private Records» eine Neuauflage von «Psychotron», und weil Wassermann «zum ersten Mal mit diesem Projekt etwas Geld zu verdienen begann», liefert er nun vier Jahre später nach: «SKW», das zweite Album von Schaltkreis Wassermann, schliesst ab, was vor über 30 Jahren begann: Aus den damaligen Sessions blieb noch so viel Material übrig, dass Wassermann nur die alten Bänder sichten und neu aufbereiten musste, um eine zweite Platte beisammen zu haben.

Mit «SKW» wird spät eingelöst, was 1982 begonnen hat, aber damit sollen die Signale des Schaltkreis Wassermann nicht verebben, Material für neue Alben hat Wassermann bereits zusammen. Und auch die Zeit dazu: Mit verschiedenen Nebenprojekten tritt er als Live-Act an PsyTrance-Parties und an Chill-Out-Floors auf, mit Schaltkreis Wassermann beschallt er kommenden Samstag im Basler Musikladen Plattfon den «Recordstore Day». Und ansonsten verbringt er die Zeit an seinem Zweitwohnsitz auf Ibiza: Mit anderen Musikern an neuen Sounds basteln, da und dort auftreten – oder einfach am Strand sitzen und den Trommlern zuhören.

Anmerkung PJ Wassermann: ich höre den Trommlern nicht nur zu, ich trommle natürlich mit!

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